Ohne Boden unter den Füssen

Aktualisiert: 3. Sept.

Was kennzeichnet unsere Zeit? Worin besteht die zentrale Herausforderung?

Die mittlerweile globale Zivilisation scheint an ihre Grenzen zu stoßen, ein „weiter wie bisher“ will kaum einleuchten, ein „wie denn dann“ hat sich bisher noch nicht kristallisiert. Wir befinden uns im Dazwischen. Auf einem Ozean zwischen dem Verlassen des Hafens und der Ankunft an neuen Ufern. Wir leben in einer Zeit ohne Boden unter den Füssen.


Geschwindigkeit, Fülle und Grundsätzlichkeit der stattfindenden und antizipierten Veränderungen sind überwältigend. Die menschliche Existenz scheint auf dem Spiel zu stehen und kaum etwas wird nicht in Frage gestellt. Uns fehlt der Überblick in diesem mächtigen Informationsfluss der komplexen Welt. Wie soll mensch hier das Relevante herausfiltern und zu einem sinnvollen Gesamtbild weben? Wie sollen wir in diesen Gewässern navigieren? Dass wir dies als Individuum nicht alleine können, war wohl schon immer der Fall. Unser individuelles Navigieren basiert auf „unserer Kultur“, auf einem kulturellen Betriebssystem. Dieses schwer fassbare und doch so mächtige Phänomen „Kultur“ liefert Erklärungsschemata, beschreibt die Welt und ihre Vorgänge, situiert uns darin mittels Geschichten und Mythen, hebt Werte und Wichtigkeiten hervor, ritualisiert und institutionalisiert entsprechend Verhaltensnormen, Bräuche, Ästhetik und Gesetze. Wir sind soziale Wesen und orientieren, navigieren und koordinieren uns mittels solcher kultureller „Karten“.

Über lange Zeit hat wohl was wir Religion nennen einen maßgeblichen Einfluss auf dieses Kartenmachen genommen, oft in enger Kollaboration mit einem feudalen Herrschaftssystem. Damit war meist klar festgelegt, wer und mit welchen Mitteln diese Karten mitgestalten darf. Seit Aufklärung, Industrialisierung und dem Aufstieg des Bürgertums suchen wir zumindest in der westlichen Kultur, diese Gestaltung unter verschiedenen Institutionen aufzuteilen. Der Staat sorgt in demokratischen Prozessen für juristische und soziale Gerechtigkeit, sichert die Würde und Freiheit seiner Bürger*innen, friedliche Ordnung und Erhaltung der Lebensgrundlagen. Er steckt auch das juristische Spielfeld einer darin möglichst freien Wirtschaft ab. Eine unabhängige Presse hält auf dem Laufenden, klärt und deckt auf. Wissenschaft oder weiter gefasst eine Intelligenzia, fördert Wissen und ermöglicht Innovationen – und darf ab und an einen wertenden Zeigefinger erheben. Kultur – im engen Sinne - und Kunst laden ein zur Reflektion des Zeitgeists. So in etwa eine sicher verkürzte Rollenverteilung. Dieses Zusammenspiel sollte uns als Gesellschaft oder gar Zivilisation die Orientierung und Navigation ermöglichen.

Doch irgendwie will das nicht mehr so richtig klappen. Diese große Arbeitsteilung scheint an ihre Grenzen zu stoßen und vermag bestenfalls noch bruchstückhafte Karten zu liefern. Von Sinn und Orientierung stiftender Vision kann kaum mehr die Rede sein. Koordination findet in erster Linie durch die dominanten wirtschaftlichen Interessen getriebene Vision des Wohlstands durch Wachstum statt. Dieser wirtschaftlichen, oder sagen wir kapitalistisch-industriellen Vision fehlt es allerdings an Tiefe und Ganzheitlichkeit. Der beeindruckende Wohlstand, verbesserte Lebensbedingungen und höhere Lebenserwartungen vermögen nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies dennoch keine gerechte und schon gar keine nachhaltige Vision darstellt. Dafür ist die Schere zwischen Gewinner*innen und Verlierer*innen viel zu groß. Und die Klimakrise macht deutlich: wir haben eine ganze Palette wichtigster Faktoren einfach vergessen – oder willentlich ignoriert. Zudem ist die Vision flach, sie vermag kaum mehr als eine Identität als Zahnrad in der Maschine oder Sinnhaftigkeit durch Konsum zu bieten. Das ist kein Boden unter den Füssen – eher eine dünne schmelzende Eisschicht - sondern drohen unsere natürliche Lebensgrundlage zu verlieren.

Vor diesen drohenden ökologischen Katastrophen durch die Art und Weise wie wir unseren Wohlstand der Natur extrahieren, haben Wissenschaft und Zivilgesellschaft seit Jahrzehnten gewarnt. Politik und Wirtschaft hatten kaum ein Ohr dafür. Wissenschaft hat ihre Bühne da, wo Wirtschaft und Politik sie finanzieren und auch die Zivilgesellschaft tut sich schwer beim Buhlen um die finanziellen Mittel.

Kann die Politik diese verzerrte Karte korrigieren oder gar eine bessere liefern? Hier müssen wir sicher gewahr sein, dass wir aus historischer Erfahrung skeptisch gegenüber den großen politischen Entwürfen geworden sind – wohl zurecht. Denn versteht sich Politik als Vertretung von Partikularinteressen, ist schwer zu sehen, wie sie adäquatere Karten liefern sollte. Dass sich Politik zu großen Teilen von der Flachland-Vision der Wirtschaft einlullen lässt, mündet auch hier in eine Erosion von Vertrauen in deren Intention und Kompetenz.

In Demokratien möchten wir vielleicht noch auf die freie Presse bauen. Doch auch hier sehen wir ein ähnliches Bild von subtiler, schleichender Korruption. Die öffentliche Meinung zu beeinflussen wollen weder Wirtschaft noch Politik einfach irgendwelchen Freigeistlern überlassen – mögen sie noch so gut recherchieren; oder gerade dann nicht. Zudem hat die Digitalisierung mittlerweile alle zu Sendern gemacht, die gerne etwas in den Äther setzen möchten – trotz schönem demokratischem Anschein, kein Garant für Qualität. Zumindest haben wir mit dieser Form von Dezentralisierung noch nicht umzugehen gelernt – statt Orientierung sehen wir weitere Verwirrung und Polarisierung.

Die moderne Sinnstiftung und Orientierung funktioniert anscheinend nicht mehr. An diesem Punkt bedeutet die Herstellung neuer Karten also die Strukturen und Prozesse der Kartenherstellung selbst neu zu entwickeln. Wir brauchen ein neues Navigationssystem, neue Kultur, ein neues sozio-ökonomisches Betriebssystem – und wissen nicht genau wie und wer dies liefern sollte. Diese ungeheure Herausforderung wird unsere Epoche kennzeichnen. Und angesichts dessen mögen wir vielleicht auch unsere eigene sowie die Verunsicherung unserer Zeitgenoss*innen emphatischer betrachten und gemeinsam versuchen, wieder Boden unter den Füssen zu finden.