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2073

Mein Name ist Elizabeat, ich bin 26 Jahre alt und lebe in Bern – im Jahr 2073. Ich habe in unserem Geschichtstraining die Einladung erhalten, unsere Lebenswelt Menschen aus der Vergangenheit zu schildern. Ich dachte gleich an Kulturinteressierte wie dich – vor 50 Jahren, anfangs 2023. Nun wie sieht es hier aus? Was wohl als erstes auffällt, wenn du durch unsere Städte spazierst, ist was fehlt. Nämlich Autos, Werbeplakate, Leuchtschriften und kalte Türme. Wir sehen uns immer wieder mal die Bilder eurer Städte und insbesondere die Bilder aus euren Filmen an, welche zeigen, wie ihr euch die zukünftigen Städte vorgestellt habt. Das gehört zu unserer Zukünftebildung, einem Teil des Imaginationstrainings. Nun, es sieht womöglich ganz anders aus – je nachdem wo ihr euch inspiriert habt. Unsere Städte sind auf Lebendigkeit ausgerichtet. Das heisst zum einen, dass wir viel daran setzen, die Städte von der Natur mitgestalten zu lassen. So legen wir nicht bloss Gärten und Pärke an, sondern nehmen die Bewegungen von Flüssen wie der Aare, verschiedenen Vegetationsarten und einheimischen Tieren in die Gestaltung der Umgebung auf. Dazu später etwas mehr. Für mich bedeutet dies, dass ich so gut wie alles, was ich brauche zu Fuss erreichen kann und das innerhalb von nur fünf Minuten. Die meisten Glas- und Betonfassaden sind verschwunden – einige blieben stehen, als Beispiele des kontinuierlichen Wandels. Es ist hauptsächlich grün hier und sehr lebhaft. Wir haben auch Bilder unserer Städte in euren Visionen gefunden – das finde ich sehr erbauend; denn ihr habt ja daran mitgewirkt, dass wir nun so leben können.

Das Leben hier ist aufregend. Heute Nachmittag werde ich mit einigen Freundinnen an einem Arealentwicklungsprozess teilnehmen. Wir hatten bereits einige Sitzungen – es ist reichlich herausfordernd und macht doch sehr Spass. Wir treffen uns in einer der geodätischen Kuppeln unten an der Aare. Es sind einige Gruppen, welche üblicherweise teilnehmen. Wir schliessen uns an und können dann aus verschiedenen Modi wählen. Die Facilitatoren schlagen vor, mehrere Modi in der gleichen Gruppe zu durchlaufen, das ergebe die besten Resultate. Letztes Mal haben wir uns in Erinnerungen geübt. Da das Aareal zukünftig der Potentialentfaltung dient – ihr habt das meines Wissens «Bildung» genannt – sind wir in Erinnerungen an schöne, aufregende oder inspirierende Erlebnisse unsere Lern- und Entwicklungsprozesse getaucht. Die KI kann diese visualisieren und registriert unseren Erregungszustand und vieles weitere, wovon ich noch zu wenig verstehe. Diese Bilder werden uns holographisch projiziert und wir können so mit unseren Erinnerungen interagieren. Wir haben auch eine Art Knetmasse zur Verfügung, welche die Formen unserer Erinnerungen annimmt und die wir wiederum verändern können. Es ist einfach fantastisch derart rasch und direkt zu gestalten.

Heute Nachmittag haben wir vor, in den Modus der wildesten Träume zu gehen. Ich bin durchaus ein wenig nervös, denn manchmal tauchen Dinge auf, die uns gar nicht bewusst waren – Wünsche oder Vorstellungen. Ich weiss schon, wir sollen uns für nichts schämen oder uns vor den eigenen Bedürfnissen fürchten – doch das ist so leicht gesagt. Nun ja – wir werden ja sehr wohlwollend begleitet.

Nun habe ich beinahe vergessen, was noch viel aufregender ist – zumindest für mich, die Pilze liebt. Die Gebäude und Einrichtungen, welche wir mit diesen Sessions zusammen designen, werden nämlich mit Pilzen gebaut – bzw. die Pilze wachsen in die angewiesene Form. Es gibt sogar eine Schnittstelle mit den Pilzen; doch dies sei für Fortgeschrittene. Dabei würde Mensch mit den festgestellten Impulsen der Pilze interagieren, also sozusagen die Pilze fragen, wie und wo sie wachsen möchten. Scheinbar ergibt sich daraus eine viel stabilere Konstruktion.

Ihr seht, solche Dinge interessieren mich sehr – und ich nehme oft an diesen partizipativen

Gestaltungsprozessen teil. Es ist eine der vielen Arten am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und damit Erfahrungen zu sammeln, um vielleicht selbst einmal solche Prozesse zu moderieren oder gar zu entwickeln, was momentan eines meiner Ziele ist.

Daneben verbringe ich auch Zeit damit, Menschen am Ende ihres Lebens zu begleiten. Das ist nicht nur hoch angesehen, sondern wirklich eine intensive und bereichernde Erfahrung. Mir hilft es dabei, mein eigenes Leben wertzuschätzen. Und ich lerne unglaublich viel – mitunter über die Zeit in der ihr jetzt lebt und wie sich unsere Gesellschaft – so meinen viele – fundamental verändert hat. Es fällt mir immer wieder schwer, mir die Umstände lebhaft vorzustellen, in welchen Generationen vor uns gelebt haben – vielleicht genauso, wie es euch schwerfallen mag, euch unsere Zukunft vorzustellen.


Bild: Solarpunk Reading Hall von Unbekannt per KI generiertes Bild


Dies ist eine kurze Geschichte aus einem Szenario 2073. In der Zukünfteforschung werden solche Techniken oft angewandt, um sich Möglichkeiten konkreter vorstellen zu können. Gerade positive, wünschenswerte Zukunftsszenarien scheinen gar nicht so einfach zu imaginieren. Viel Aufmerksamkeit erhalten die gegenwärtigen und prognostizierten Probleme und welche Auswirkungen – sprich Katastrophen – sich daraus ergeben könnten. Positive Zukünfte, gerade in lebensweltlichen Details sind schwieriger als gedacht; das stellen nicht nur wir fest. Klar scheint, dass wir mehr davon brauchen; und daher auch mehr Übung darin.Solche Geschichten aus Szenarien werden u.a. durch einen Mix aus verschiedenen technologischen, sozio-kulturellen oder demographischen Trends, Signalen, Prognosen, Statistiken und was sonst die Fantasie anregt, geschaffen. Das Szenario hier hat 3D-Druck, neue Materialien, partizipative Prozesse wie Bürger*innenräte, alternde Gesellschaft, biophiles Design und Reflektionen zur Unterscheidung von Natur und Kultur als Grundlage aufgenommen.  

Solche Prozesse können dabei helfen, sich in unserer komplexen und sich rasch verändernden gesellschaftlichen Situation zu orientieren und zu navigieren. Oft haben wir Vorstellungen davon, wie gegenwärtige Probleme zu lösen wären oder kennen eine Reihe inspirierender Entwicklungen. Wie diese miteinander interagieren und was daraus entstehen könnte, ist sehr schwierig abzuschätzen. In einem Szenario machen wir unsere Annahmen explizit. Wir behaupten, wie es sein wird. Dabei werden oft interessante Entdeckungen gemacht. So können negative Auswirkungen unserer geliebten Lösungen sichtbar werden oder es zeigen sich positive Aspekte in eigentlich dystopischen Szenarien.

Ausgearbeitete wünschenswerte Szenarien basieren auf unseren Werten und so wird unser Wertesystem sichtbarer, expliziter. Sind die Szenarien sorgfältig mit entsprechenden Daten und Analysen gefüttert, können wir auch ausgereifte längerfristige Strategien davon ableiten. Denn ob mit oder ohne in Möglichkeiten zu denken, mit Szenarien zu spielen, Zukünfte zu erkunden – unsere Strategien und Handlungen basieren auf unseren Annahmen; der stets nicht ganz gewisse Boden unseres Tuns.

Auf dass Sie dieses Jahr von Ihren falschen Annahmen positiv überrascht werden!

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