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Das Ende

In ein paar Jahren sind wir alle tot. Nicht weil die Welt untergeht, sondern einfach weil wir altern und sterben. Die Welt geht natürlich auch bald unter – in astronomischer Zeitrechnung. Plattitüden wie «alles hat ein Ende…» übertünchen üblicherweise eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit dem Enden. So wirklich wollen wir uns damit nicht beschäftigen.

Was würde es denn heissen, sich ernsthaft mit dem Ende auseinander zu setzen?«Kontext, Kontext, Kontext» würde meine frühere Mentorin sagen. Also: was endet?

Unser Leben endet. Das Leben auf dem Planeten Erde endet. Wahrscheinlich endet das Universum. Das sind grosse Themen. Auch Kleineres endet. Projekte enden. Unternehmen enden. Partnerschaften und Beziehungen enden. Träume enden.



Das Thema Ende hat sich gewissermassen selbst gesetzt. In diesen Tagen scheine ich mich umgeben von Enden. Wir beenden unsere Zeit in der Bürogemeinschaft – ein Ort an dem wir uns sehr wohl gefühlt haben. Der hauptsächliche Grund dafür: meine Partnerin und ich beenden unsere Zeit mit festem Wohnsitz - für ein Jahr werden wir mit umgebautem Transporter Europa bereisen. Diese Enden sind klar auch Neubeginne. Wir schliessen eine Tür, weil wir eine andere öffnen. Entscheidungen sind oft so. Ein Ja ist ein Nein zu etwas (oder allem) anderem – und umgekehrt. Sind Entscheidungen immer Enden? Ein wesentlicher Unterschied zu anderen Enden ist dabei die Freiwilligkeit. Oft enden Dinge unfreiwillig – oder nahe dran.  Mehrere Menschen in meiner Umgebung haben ihre tägliche Routine beendet und sich in eine stationäre psychologische Betreuung übergeben. Ein Eingeständnis «dass es so nicht weitergeht». Freiwillig? Nicht ganz. Aber auch dies sowohl ein Ende und ein Neuanfang.

Emotional das aufwühlendste Ende ist allerdings das eines Freundes. Er liegt im Sterben. Hoffentlich noch nicht – doch leider sieht es so aus, als ob der Krebs ihn besiegen wird. Zumindest körperlich ist der Zerfall offensichtlich. Sein Ende naht – und ich weiss nicht, ob dies ein Neubeginn ist. Viele sehen das vielleicht so; ich bin diesbezüglich agnostisch. Was ich aber weiss – und mir wieder sehr bewusst gemacht wird: ich werde enden. Das scheint klar – und ist eigentlich unvorstellbar. Da ist kein Ich mehr. Da ist kein Erleben mehr. Ich werde nicht mehr existieren. Und falls das noch nicht der Fall wäre – solange ich nicht ewig bin, werde ich enden. Dann spielt sich das Ganze halt etwas später ab. Und dabei fällt mir auf: un-endlich zu sein stelle ich mir sehr anstrengend vor – als würde ich niemals schlafen können. So finde ich das Ende eines Tages durchaus ansprechend; besonders nach einem guten Tag ist das Ermatten köstlich. In den Schlaf zu gleiten, heisst zu vergehen – zumindest für eine gewisse Zeit. Im einen Moment liege ich noch da, richte mein Kissen oder kratze mich am Rücken, ein paar Gedanken an heute, an morgen – und dann weg.

Der Tod scheint auf den ersten Blick eine andere Liga. Ich meine nicht die Phänomenologie des Sterbens, also was in uns vorgeht, wenn das Leben erlischt – das könnte durchaus wie Einschlafen sein. Der fundamentale Unterschied liegt doch darin, dass wir nach dem Tod gar nicht mehr existieren. Und auch, wenn ich mir beim Schlaf nicht sicher sein kann – und während des Tiefschlafs zumindest auch keinen Unterschied merken würde – zu wissen, dass ich nun einschlafen werde, ist etwas ganz anderes, als zu wissen, dass ich nun sterben werde.

Unweigerlich kommt Endgültigkeit ins Spiel. Der Tod ist endgültig. Das Aussterben einer Spezies ist endgültig. Dieser Mensch oder diese Spezies ist danach nicht mehr da. Für immer weg. Das ist schwer zu ertragen. Wir haben ein ganzes Spektrum an Coping-Strategien – viele davon suchen einen Weg um diese Endgültigkeit herum. Ein Leben nach dem Tod, die Vorstellung in den Erinnerungen weiter zu leben, im Vermächtnis, also in den Folgen unserer Taten, oder ganz nüchtern als Materie wieder zu neuem Leben zu werden. Auch die modernen Techno-Fantasien suchen nach Umwegen. Vielleicht könnten wir unser Bewusstsein in eine Cloud laden, oder den Körper tiefgefroren aufbewahren, bis ein Heilmittel Weiterleben verspricht, oder eine Gen-Datenbank uns erlaubt, verlorene Spezies wieder zu erwecken; so frei nach Jurassic Park.

Falls dies Trost spendet oder Hoffnung aufkommen lässt, mag das was wert sein. Allerdings bringen wir uns hiermit auch selbst um die Geschenke der Enden. Die Endgültigkeit hält uns einen Spiegel vor. Sie stellt existentielle Fragen. Wie oft werden wir uns erst bewusst, was wir hatten, sobald wir es verlieren? Wie klar erscheint uns der Wert, sobald es heisst: nie wieder!

Statt der Endgültigkeit zu entfliehen, sollten wir sie umarmen. Sie schenkt uns Klarheit darüber, was wirklich von Wert ist. Und dies mag bei solch fundamentalen Fällen wie Tod und Aussterben direkt einleuchten, gilt aber auch für viel alltäglichere Umstände. Wir end-scheiden uns täglich. Viele Entscheidungen mögen in gewissem Sinne umkehrbar – nicht endgültig sein. Dennoch sind sie allesamt ein Manifestieren, ein in die Tat umsetzen unserer Werte. Das Ende in Sicht kann unser Leben verändern. Es braucht kein «Happyend» – ein gutes Ende kommt aus einem guten Leben, ein Leben treu den eigenen, reflektierten Werten. Das heisst auch, die tiefe Schönheit darin zu sehen, dass wohl Alles was uns wichtig ist irgendwann enden wird.

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