Der lebendige Boden

Der Traum einer fruchtbaren Zukunft.

«Man ändert nie etwas, indem man die bestehende Realität bekämpft. Um etwas zu ändern, muss man ein neues Modell entwickeln, das das bestehende Modell überflüssig macht.» Buckminster Fuller

Im letzten Artikel haben wir aufzuzeigen versucht, dass uns als Gesellschaft die Orientierung und Sinnstiftung nicht mehr gelingt – uns also der Boden unter den Füssen fehlt. Wie könnte die Erneuerung von Orientierung und Sinnstiftung – das Wiedererlangen von Boden unter den Füssen aussehen? Eine interessante Möglichkeit ist diese: Vielleicht lag der Boden die ganze Zeit vor uns – und wir konnten diesen einfach nicht sehen – zu naheliegend, zu offensichtlich, zu selbstverständlich.

2012 hat Kate Raworth in einem Papier die Doughnut Ökonomie dargelegt. Als Ökonomin blieb sie dieser Disziplin nach ihrer Ausbildung frustriert für Jahre fern – kam aber mit der Einsicht wieder zurück, dass „wir der Ökonomie nicht entkommen, weil sie unsere Gesellschaft gestaltet“. Ökonomie sei die Muttersprache der Gesellschaftsgestaltung. Ihre ursprüngliche Unzufriedenheit lag darin, dass in den gängigen ökonomischen Modellen zu vieles ausser Acht gelassen wurde – insbesondere das wirklich Wichtige.

Das grundlegende Design des Doughnut ist einfach: eine sichere und gerechte Gesellschaft darf die Planetaren Grenzen nicht überschreiten und das soziale Fundament nicht untergraben. Visuell dargestellt sind dies zwei konzentrische Kreise – ein Doughnut.



Raworth hat mit dem Doughnut die Zielsetzung für das 21. Jahrhundert auf den bisher einfachsten Nenner gebracht – sowohl graphisch wie auch inhaltlich: wir müssen als Zivilisation in den Doughnut gelangen - zwischen die zwei Kreise der planetaren Grenzen und des sozialen Fundaments. Das heisst: die (Grund-)Bedürfnisse aller Menschen mit den Mitteln, die uns dieser blaue Planet zur Verfügung stellt zu decken. In dieser Einfachheit bringt dieses Modell Einsichten zum Ausdruck, welche uns eigentlich schon lange klar sein sollten. Die Wirtschaft einer zukunftsfähigen Gesellschaft muss sich an diesen Tatsachen orientieren – ob mit diesem oder einem anderen Modell.

Seit Grenzen des Wachstums wissen wir, dass an unserer Leit-Ideologie „Wohlstand durch Wachstum“ etwas faul ist. Unser blauer Planet ist ein lebendiges System aus welchem nicht rücksichts- und masslos „natürliche Ressourcen“ extrahiert werden können, so wenig wie sie als Müllhalde und Entsorgungslager dienen darf. Schaden und Leiden solcher Handlungsweise sind in alten Modellen einfach „Externalitäten“ – die kommen in der Bilanz nicht vor. Genauso wenig die ganze freundschaftliche und fürsorgliche Arbeit, für welche kein Geld bezahlt wird – oder die Gemeingüter. Der Baum – nur etwas wert als Balken; das Schwein – nur etwas wert als Schinken; die Mutterschaft – eine Selbstverständlichkeit. Das sind nicht buchhalterische Zahlen – das ist unser Werte-System! Die so kreierten Anreize sind ein Leitfaden zum Egoismus. Ein wesentlicher Teil dessen, woran wir uns in den letzten Jahrzehnten orientierten und immer weniger Sinn darin finden.

Und so ist dieses alternative ökonomisches Modell nicht bloss schmucke Zeichnung, sondern der Ausdruck eines Werte-Systems. Und zwar derjenigen Werte, die wir eigentlich haben möchten. Diese als Grundlage für unser Wirtschaftssystem und der Gesellschaftsgestaltung zu nehmen, bedeutet, wieder sinnvolle Orientierung zu finden; während das bisherige Wirtschaftssystem bisweilen unerträglich Dissonanzen auferlegt – „eigentlich sollten wir ja … aber …“. Hier findet der echte Systemwandel statt – in unserem Denken, Fühlen, Wahrnehmen; in unserem Selbstbild, in unserer Verortung; und entsprechendem Handeln. Die grüne Zone in Raworths Doughnut repräsentiert den lebendigen Boden, welcher Leben ermöglicht. Er besteht sowohl aus der Lebendigkeit der planetaren Ökosysteme, wie auch aus derjenigen des Sozialen, der lebendigen Kultur. Der Kreis des Doughnut dient somit als ein Symbol zur Orientierung als Gesellschaft, ein Attraktor für unsere Ausrichtung. Diesen lebendigen Boden für die gegenwärtige und zukünftige Generationen zu kultivieren ist keine neue oder abstrakte Idee, sondern tief verwurzelt in unserem Mensch-Sein – vielleicht sogar das Fundament der Gesellschaft, der Kultur, der Zivilisation.

Was Raworth hier zu einem ökonomischen Modell gemacht hat, entspringt also einem viel tieferen Grund als es intellektuelle Beschäftigung mit bezifferbaren Werten von Gütern und Dienstleistungen darstellt. Diesen Attraktor – diese Vision und Wahrnehmung – wieder zu etablieren und unsere Geschicke darauf auszurichten, dem Leben zu dienen und uns als Teil des Lebendigen zu verstehen, hat in den vergangenen Jahren viele Formen angenommen.

Was diesen Bestrebungen gemeinsam ist, ist das Verständnis der zentralen Aufgabe: das wirklich Wichtige in die Gestaltung unserer Gesellschaft fliessen zu lassen, in das kulturelle, sozio-ökonomische System – so dass wir als gesamte Gesellschaft getreu der fundamentalen Werte handeln. Nicht bloss mit schönen Werten und Prinzipien an den Wänden der Konzerne oder den Archiven nach Konferenzen, sondern als in den Strukturen und Prozessen implementierte Wertschätzung der Lebendigkeit. In den mannigfaltigsten Vorstellungen, Beispielen und Geschichten des Gelingens, die zeigen, motivieren und dazu inspirieren, diesen Weg zu gehen, könnte sich der Humus verdichten, auf welchem der Traum einer fruchtbaren Zukunft wachsen könnte.