Der Möglichkeitssinn

Aktualisiert: 3. Sept.

«So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen, als das, was nicht ist.»

Robert Musil – in der Mann ohne Eigenschaften

Die Zukunft existiert eigentlich nicht. Auch nicht noch nicht. Sie wird nie kommen, sie bleibt uns stets einen Schritt voraus. Was da ist, ist Gegenwart. Und doch wirkt diese nicht existierende Zukunft. Denn worüber wir eigentlich betreffend „Zukunft“ sprechen, sind Möglichkeiten – oder noch präziser: Vorstellung von Möglichkeiten. „Die Zukunft“, Singular, impliziert Determination. Möglichkeiten ist Plural – impliziert einen offenen Ausgang; bzw. wir kennen den Ausgang nicht. Futuristen sprechen daher von Zukünften, von den vielen Möglichkeiten. So wirkt „Zukunft“ als Vorstellung dessen was sein könnte, wo wir hin könnten – Vorstellungen darüber, was möglich ist und was wünschenswert oder katastrophal wäre. Solche Vorstellungen leiten unsere Handlungen und kreieren damit Zukunft - oder eben neue Gegenwart, neue Realität.

Es sind allerdings nicht im engen Sinne Vorstellungen von Zukunft oder eben Möglichkeiten allein, welche unser Handeln ausrichten, sondern Vorstellungen generell. Was wir für möglich oder wünschenswert halten, hängt von unserem Weltbild ab, unseren Überzeugungen darüber, wie die Welt funktioniere, wie die Realität beschaffen sei und wie wir darin zusammenleben sollten - was richtig und falsch ist, was sich gehört, was nicht. Der Raum an Möglichkeiten ist eine Funktion unseres Weltbilds. Wir handeln aufgrund dieser „inneren“ Repräsentation der Wirklichkeit, eines solchen Modells der Welt. Diese Modelle – unsere persönlichen sowie kollektiven – sind allesamt unvollständig, in vielen Punkten falsch und voller Vorurteile. Denn sie entsprechen eben nie präzise der Wirklichkeit.

In der Philosophie – und nicht nur der westlichen – ist dies eine Knacknuss. Wir möchten unterscheiden zwischen dem was wirklich ist und dem was in unserem Geist existiert. In den Bibliotheken die sich hierzu durchkämmen liessen, wäre wohl jede nur erdenkliche Position zu finden. Was schwebt da „in“ unseren Köpfen und was geht da „draussen“ wirklich vor? Und jegliche Antworten sind wiederum bloss Modelle, oder nicht? Auch wenn die Lage je genauer wir dies betrachten, umso unentwirrbarer erscheint, so gibt es doch einen pragmatischen Ausweg: beides wirkt und auf beides können wir einwirken. Auf dieser Gedankenlinie lassen sich also zwei Mächte identifizieren: Die Macht Dinge zu manipulieren – also die Wirklichkeit zu formen. Oft denken wir an Technologie im klassischen Sinne, einen Staudamm, einen Bagger, eine Bombe. Und es gibt die Macht, das Denken der Menschen zu beeinflussen, also die erwähnten Modelle.

Nehmen wir diese zwei Mächte als Ausgangspunkt, um über den „Möglichkeitsraum Zukunft“ nachzudenken, dann können wir zwei entsprechende Fragen aufwerfen:

  1. Was halten wir für möglich?

  2. Was ist tatsächlich möglich?

Die Mengen der Antworten decken sich nicht, das haben wir bereits gesehen – würden sie es, wären wir beinahe gottgleich oder einfach allwissend: wir hielten genau das für möglich, was tatsächlich möglich ist. Der offensichtliche Unterschied liegt hier: was wir für möglich halten, muss es nicht sein und wir halten bei leibe nicht alles für möglich, was es eigentlich wäre. Pragmatisch relevant wird es erst hier: Was wir nicht für möglich halten, werden wir wohl kaum anstreben. Und was tatsächlich möglich ist, finden wir schlussendlich nur durch Beobachtung und Experiment heraus – nicht durch blosses Denken oder Vorstellen. Damit haben wir in Abstrakta unter die zwei womöglich grössten Herausforderungen der Zukunftsgestaltung geblickt:

  1. Unser Möglichkeitsraum sollte so weit und offen sein wie es nur irgendwie geht. Wir sind in unserer Vorstellung der Welt viel zu fantasielos, können uns viel zu wenige Alternativen vorstellen. Damit beschränken wir unseren Handlungsspielraum ohne «objektive» Notwendigkeit – wir entscheiden über Möglichkeiten in unserer Fantasie, welche eigentlich die «Realität» beantworten sollte.

  2. Wir brauchen viel mehr Mut zum Experiment. Wir brauchen echte Bestrebung den ausgeweiteten Möglichkeitsraum zu erproben. Wir brauchen machbare Alternativen, Demonstrationen dafür, dass es auch anders geht.

Gerade in einer Zeit fundamentaler Veränderungen ist ein beschränkter Möglichkeitsraum fatal. Es sind nämlich nicht nur wünschenswerte Möglichkeiten welche wir durch mangelndes Vorstellungsvermögen verkennen, sondern ebenso drohende Gefahren. Wir bespielen diesen Raum aber sehr unvorsichtig: wir sind unglaublich gut und betriebsam, die möglichen Gefahren in dystopische Bilder und Geschichten zu fassen und überschwemmen damit das Informations-Ökosystem – falls überhaupt, dann mit isolierten Lösungsansätzen. Hinzu kommen abstruse, meist ungeprüfte Vorstellungen, möglichst düster, beschuldigend und spaltend. Damit überlassen wir diese Gestaltungsmacht unseren archaischen Instinkten Angst und Wut – oder jenen, die sie auszunutzen wissen.

Falls uns klar genug ist, dass wir in den Kreis des lebendigen Bodens müssen - den im letzten Artikel ausgelegten Donut - sollte auch klar sein, wohin wir unsere Aufmerksamkeit lenken sollten. Wir sollten das Träumen wieder kultivieren, das Erschaffen positiver Visionen und Utopien. Können wir uns solche besseren, gerechteren, ökologischeren – lebendigeren Welten, Gesellschaften, Kulturen und Ökonomien vorstellen? Halten wir diese für möglich? Können wir uns in diese möglichen Zukünfte hinein versetzen? Denn ist es nicht so: wir wollen was wir sehen. Die Sehnsucht und das Verlangen können Verbündete des richtigen Handelns sein. Hier könnten wir den Unterschied kreieren, zwischen „es wäre gut wenn …“ und wirklichem Wollen. Und wir müssen diesen angeregten Möglichkeitssinn mit dem zweiten Punkt kombinieren – dem mutigen Erproben von Wegen, diese positiven Visionen zu manifestieren. Dies darf gut im Kleinen geschehen – und was sich bewährt auch vermehren.

So steigen wir wie Alice vom kindlichen Spiel des Fantasierens in die Tiefen unserer Natur und der gestaltenden Mächte. Der Schlüssel scheint unsere Aufmerksamkeit. Wohin wir diese richten macht es aus. In dieser Ausrichtung geht es um unsere Freiheit, unsere Eigenständigkeit, unsere Gestaltungskraft. Sie beginnt in unserem Vorstellungsvermögen, dem Möglichkeitssinn – muss aber ins Handeln kommen, sonst bleiben wir im Kaninchenbau.