Der weite Horizont

Aktualisiert: 3. Sept.

In den Future Studies hat sich in den letzten Jahren etabliert, nicht nur den weiten Blick nach vorne, in die Zukunft, zu üben, sondern ebenso zurück in die Vergangenheit – „look back to look ahead“. Solche Horizonterweiterung ist ein wirkungsvolles Werkzeug, um Entwicklungen in Kontext zu setzen, zu relativieren und zukünftige Ereignisse einzuschätzen. Wir zoomen soweit raus, schauen so weit nach vorne oder hinten, bis sich die Konturen zeigen die wir zuvor nicht im Sichtfeld hatten, bis die Details immer undeutlicher und damit unwichtiger werden und die „grösseren Zusammenhänge“ herausstechen.


Betrachten wir uns selbst in diesem weiten Horizont, könnten wir die kürzeste Geschichte der Menschheit etwa so erzählen:

Über Millionen von Jahren haben wir uns aus unseren hominiden Vorfahren zum „homo sapiens“ entwickelt. All die Jahre haben wir, wie alle andere Spezies, in unseren diversen Nischen gejagt und gesammelt – und wurden gejagt. Vor nicht allzu langer Zeit – evolutionär gesehen - haben wir uns aufgerichtet, durchliefen eine erstaunliche „kognitive Revolution“ und wurden zu Meister der diversifizierten Koordination und des Werkzeuggebrauchs. Wir durchliefen kulturelle Revolutionen in diversen Technologien – von Feuer, Steinkeil, Landwirtschaft, Metallbearbeitung bis zu Sprache, Mathematik und industrieller Revolution. Erst vor zwei evolutionären Sekunden wurden wir so mächtig, dass wir mit diesen Technologien als geologische Kraft betrachtet werden müssen – das „Anthropozän“ als Ausdruck dessen – unser eigenes Überleben gefährden und dabei sind, ein sechstes Massensterben zu verursachen; was zuvor nur klimatische Schwankungen, Meteoriten, Vulkanausbrüche oder ähnliche Ereignisse dieser Liga zustande brachten.

Und der generische Blick in die Zukunft erweist sich aus dieser Flughöhe gesehen als recht übersichtlicher Möglichkeitsraum:

  • Die Menschheit stirbt aus, vernichtet sich selbst oder wird vernichtet. Unsere Spezies verschwindet wie die allermeisten Spezies seit Beginn des Lebens auf diesem Planeten.

  • Die Menschheit mutiert in etwas nicht weiter als Mensch erkenn- oder bezeichenbares. Sei dies durch Verschmelzung mit unserer Technologie, ein kleines Missgeschick damit oder durch natürliche Evolution – allenfalls mit Hilfe einiger disruptiver Ereignisse.

  • Oder die Menschheit expandiert in mehr oder weniger der gegenwärtigen Form und erobert bis ans Ende der Zeit das Universum.

Das ist eigentlich banal. Das sind die Eckpunkte des Möglichkeitsraums für die Menschheit: Vernichtung, Mutation/Transformation oder Expansion. Ok, ja – wir könnten auch einfach weiter bestehen ohne Expansion. Falls Sie eine weitere grundsätzlich Variante sehen, bitte melden sie sich! Die groben Szenarien können mannigfaltig ausgeschmückt werden. Wie die unzähligen Möglichkeiten unserer Zukunft auch aussehen mögen, die Wahrscheinlichkeit, dass sich so gut wie alles früher oder später fundamental verändern wird, scheint nahezu gewiss. Was wird in tausend, zehn- oder hunderttausend Jahren noch so sein wie heute?

Der generische Blick nach hinten (das ist übrigens nicht in jeder Kultur die Metapher für das Vergangene, manche sehen hinten die Zukunft – denn die sehen wir ja noch nicht.) ergibt ähnliches: alles verschwindet! Alles was da ist, war irgendeinmal noch nicht da. Weder die Sonne noch unser Planet, weder die Kontinente, noch Flora und Fauna, weder Landwirtschaft, noch Städte und Autobahnen, weder Bücher, politische Institutionen und Menschenrechte, noch Computer und Smartphones, ebenso wenig Emotionen, Ideen oder die Liebe.

Was wir hier sehen ist Evolution – selbst eine revolutionäre Idee: Alles was hier ist, hat sich entwickelt. Nicht alle Kosmologien sehen das so. Allerdings sehen die meisten eine Schöpfung und erzählen eine Geschichte, wie diese vonstattenging. Alles hat eine Geschichte, ist entstanden, hat sich entwickelt, wurde geformt von natürlichen Kräften, durch Kontext, Umwelt, Zeitgeist. Kosmologisch, geologisch, biologisch, kulturell – Schicht auf Schicht. So erzählen wir die Geschichte, so erklären wir uns das Hier und Jetzt – und so extrapolieren wir in die Zukunft. Dabei treffen wir auf eine gehörige Portion Komplexität, so viel ist klar. Wir blicken mit der Brille unseres Wissensstands auf die Indizien. Wir wissen weder wie es damals wirklich war, noch können wir „was wäre wenn…?“ mit Gewissheit beantworten.

Eine wissenschaftliche Herangehensweise rekonstruiert diese Entwicklung idealerweise nüchtern unvoreingenommen. In der Praxis enthalten auch diese Erzählungen mehr Vorurteil als erwünscht. So sollten wir diese, wie alle Geschichten, mit der nötigen Vorsicht geniessen. Denn gehen wir erst einmal in die Details dieser Geschichten, erwachsen daraus nicht zuletzt die Annahmen darüber, wer und wie wir sind, unser «Menschenbild». Solch gewichtige Mythen sind oft kaum sichtbare Grundlage für die Ausgestaltung unserer Gesellschaft. Wir sollten also erwarten, dass verschiedene Ideologien diese Bilder zeichnen oder bestimmen wollen. Und haben wir diese einmal angenommen, sind sie nur schwer wieder aufzulösen. So schwebt Hobbes Zeichnung des Menschen im zivilisatorisch ungeregelten «Naturzustand» als «im Krieg aller gegen alle» noch immer in unseren Köpfen rum. Nicht ganz so düster klingt der Homo Oeconomicus, eigentlich widerlegt und doch flammt diese Karikatur auf, sobald wir Sozialsysteme oder das Grundeinkommen besprechen. Wie sind wir aber wirklich? Wie verhält sich «der Mensch» in verschiedenen Kontexten, wie in noch unbekannten? Wie werden wir neue Technologien nutzen? Was würde unser Bestes hervorbringen? Wen nehmen wir an, wenn wir über unsere Zukunft beraten? Dieses Menschenbild fliesst unweigerlich in die Erhaltung sowie Neugestaltung unserer Systeme und Prozesse.

Riane Eisler hat bereits 1987 in ihrem Meisterwerk Kelch & Schwert ein interessantes Detail in diesem Kontext hervorgehoben – welches seither weitere Bestätigung erfuhr: So wie es mittlerweile aussieht, hatten wir nicht nur als Jäger und Sammler oft egalitärere Strukturen als heute (oder bis vor kurzem) – was auch mit dem Argument begrenzter Möglichkeiten und kleiner Gruppen abgetan werden kann, sondern wir haben weit in die neolithische Revolution hinein – also, als wir sesshaft wurden, Ackerbau, Viehzucht und Vorratshaltung entwickelten - in erstaunlich friedlicher und egalitärer Weise zusammen gelebt. Der durch Sesshaftigkeit und Landwirtschaft gewonnene Überfluss wurde in Kunst und Kultur investiert. Herrscher, Waffen, Sklaven und befestigte Anlagen an strategischen Positionen kamen anscheinend in vielen Gebieten erst merklich später auf. Für manche Gebiete sehen wir keine Indizien für kriegerische Auseinandersetzungen über mehr als tausend Jahre.

Das entspricht kaum dem hobbesschen Bild des Menschen im „Naturzustand“. Die Revision unseres Menschenbilds in solch historischer Manier, oder wie durch Rudger Bregmans neustem Buch im Grunde gut, erlaubt eine viel hoffnungsvollere Gesellschafts- und Zukunftsgestaltung. Der weite Horizont umfasst den Blick zurück für ein neues nach vorne.