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Die Religion die keine Religion ist - Teil I

Aktualisiert: 29. Dez. 2023

Ein Thema wie Religion in einem so kurzen Artikel abzuhandeln ist irrwitzig. Was ich hier machen möchte ist im Wesentlichen eine Idee zu platzieren – und zwar folgende: wir könnten alle wesentlichen Funktionen der Religion erfüllen, ohne dabei übernatürliche Entitäten oder sonstig fragwürdige Glaubenssätze einzuführen und ohne dogmatische Praktiken und Gebote zu unterstützen. Und, wir könnten dies in vielen Bereichen sogar besser tun als bisherige Religionen. Weil dieser Vorschlag die Funktionen der Religion anerkennt, grundsätzlich gutheisst und selbst erfüllen will, ist es eine Religion. Weil wesentliche Eigenschaften der Religion ablehnt werden, ist es keine. Wir ignorieren hierbei, dass es keine allgemein anerkannte Definition von Religion gibt.




Die Idee ist nicht neu. Wohl spätestens seit der Aufklärung – je nach Interpretation bereits in mystischen Traditionen und philosophischen Strömungen seit Jahrhunderten – finden sich solche Bestrebungen. Heutige Strömungen lassen sich beispielsweise in «religiösem Naturalismus» mit Vertretern wie Stuart Kaufmann oder in Arbeiten von Francisco Varela, Fritjof Capra oder dem trendigen «mindfulness» von Kabat-Zinn, finden. Nahe verwandt ist das Bestreben Wissenschaft und Religion bzw. Spiritualität zu versöhnen. So war dies beispielsweise dem wohl berühmtesten Entwicklungspsychologen des 20. Jahrhunderts, Jean Piagets generellste Motivation. Die konkretere Ausformung dieser Idee, welche ich hier skizzieren möchte, stammt von John Vervaeke, einem kanadischen Kognitionswissenschaftler. Die Religion die keine Religion ist, stellt für Vervaeke die Essenz der Antwort auf die «Sinnkrise» dar. Die Wichtigkeit diese zu überwinden schildert er so:

"Die Sinnkrise ist die Wurzel der modernen Krisen der psychischen Gesundheit, der Reaktion auf den ökologischen Kollaps und des politischen Systems. Wir ertrinken in Bullshit - buchstäblich "Bedeutungslosigkeit". Wir fühlen uns abgekoppelt von uns selbst, voneinander, von der Welt und von einer lebensfähigen Zukunft.... Viele Menschen sprechen von der Sinnkrise, aber ich möchte argumentieren, dass diese Probleme tiefer liegen als nur Probleme der sozialen Medien, politische oder wirtschaftliche Probleme... es sind zutiefst historische, kulturelle und kognitive Probleme."

Wie kam es zu dieser Sinnkrise? Vervaeke bietet in seinen aufgezeichneten Vorträgen über das "Erwachen aus der Sinnkrise" eine sehr ausführliche Erkundung an. Kurz gesagt, würde er den Ursprung unserer heutigen Weltreligionen im Achsenzeitalter erkennen. Das ist grob die Zeit nach den zerfallenden bronzezeitlichen Reichen um 800 v. Chr. Was dann entstand, waren u.a. Weltanschauungen, die - obwohl in sehr unterschiedlichen Kontexten und Kulturen gewachsen - ein gemeinsames Merkmal haben: Sie gehen von zwei Welten aus. Die eine ist die Welt, die wir erleben. Eine Welt, in der wir leiden, in der wir verkörpert und zerbrechlich, begrenzt und sterblich sind. Aber das ist nicht die einzige, vielleicht nicht einmal die wirkliche, sicher nicht die relevante Welt. Das ist es, was die zweite Welt bietet. Hier überwinden wir die Begrenzungen der ersten Welt und erfahren Erlösung, das Ende des Leidens, Befreiung und Sinn. Die beiden Welten sind miteinander verbunden wie Prüfung und Belohnung (oder Bestrafung). Dass die Dinge keinen Sinn machen oder nicht mit unseren Werten und Gefühlen übereinstimmen, spielt keine Rolle. Denn das werden sie in der anderen Welt. Diese Welt hier ist profan - die andere ist heilig; und so sind auch die Tore und die Torwächter, die Rituale und Prozesse, um dorthin zu gelangen, und die Werkzeuge, Symbole, Räume und Einrichtungen, die dorthin führen.

Der in der Renaissance und dann der Aufklärung erwachte, säkulare, wissenschaftlich orientierte Geist hat keinen Zugang zu dieser zweiten Welt – denn sie existiert in dieser Sichtweise nicht. Gott ist tot. Das Universum ist größtenteils leer und kalt. Die Dinge geschehen nicht aus einem Grund - sondern aus einer Ursache. Es gibt keine moralische Instanz ausserhalb der menschlichen Kultur. Was geschieht, folgt einem Naturgesetz - in mathematischer Präzision. Nur vielleicht bleibt etwas quantenmechanischer Raum für das, was wir Freiheit nennen - und über unseren Tod hinaus lebt sicher keine Seele weiter, höchstens biologische Nachkommen und verblassende Erinnerungen. So die kurze und überspitzte Darstellung dieser entzauberten Welt – und damit Ursprung unserer Sinnkrise.

Diese besteht, weil vermutlich ein echtes und tiefgreifendes menschliches Bedürfnis existiert, welches mit gebührender Vorsicht zusammengefasst, als «Sinn» bezeichnet werden darf. Historisch gesehen wurde dieses Bedürfnis durch Religionen befriedigt. Durch die Entmachtung der Religion bzw. den Verlust ihrer Deutungshoheit klaffte eine Lücke auf. Diese wurde bald – wie Nietzsche prognostizierte – durch Totalitarismus und Nihilismus gefüllt. Ersteres mit der Konsequenz eines erschreckenden Blutbades im 20. Jahrhundert. Ist der gegenwärtig herrschende Kapitalismus in Kombination mit Konsumismus eine pseudo-nihilistische Ersatzreligion? Jedenfalls scheint Konsum und Besitz für viele eine wesentliche Teilantwort auf die Frage worum es im Leben gehe – mit ähnlich destruktiven Folgen wie jene des Totalitarismus.

Wichtig dabei ist, dass wir versuchen, uns die vielfältigen Verbindungen fassbar zu machen. Denn auf einer gewissen Ebene scheint der Verlust der Religion nichts weiter, als der Verlust einiger Glaubenssätze - alles Abstraktionen; die lassen sich im täglichen Leben geflissentlich ignorieren. Dabei vergessen wir allerdings, dass Religion ein umfassendes System darstellt, welches diese Abstrakte Ebene mittels einer Vielzahl von Praktiken , Ritualen, Symbolen und Normen bis tief in die Lebenswelten der Menschen hineinarbeitet. So ist auch Sinn im Leben nicht wesentlich mit einer Antwort gegeben. Zu «wissen» dass der Sinn des Lebens darin besteht, z.B. glücklich zu sein, macht mich nicht glücklich. Sinn gilt es zu empfinden. Zudem ist «Sinn im Leben» vielleicht eine gute generelle Zusammenfassung dessen, was Religionen liefern (sollten) – und doch deckt dies längst nicht alle Funktionen ab. Erlauben wir uns einen wohlwollenden und etwas fantastischen Blick, so sollte Religion (oder heute oft Spiritualität) dabei helfen den Charakter zu formen, eine Ethik bereitstellen, in schwierigen Lebenssituationen Halt und Orientierung liefern, den sozialen Zusammenhalt stärken und unsere kognitiven Fähigkeiten verbessern – man denke an Erleuchtung und Weisheit.

Diese ganze Ökologie an Praktiken mit ihren vielfältigen Funktionen bzw. positiven Ergebnissen, sollte nun eine Religion die keine ist liefern können. Und zwar auf Basis der Kognitionswissenschaften und im Rahmen eines naturalistischen Weltbildes. Diese Kognitionswissenschaften umfassen die Psychologie und Philosophie, Neurowissenschaften und KI-Forschung, Linguistik und Anthropologie. Die Idee dabei ist, dass wir aus dem substantiellen Verständnis unserer Selbst als kognitive und soziale Wesen, eine Palette an Praktiken zusammenstellen könnten, welche die Funktion(en) der Religion erfüllen können – und zwar ohne eine metaphysische zweite Welt zu postulieren oder eine fiktive anzunehmen, welche die Ressourcen für unseren Konsum liefert.

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