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Die Religion die keine Religion ist – Teil II

Als ich den letzten Artikel einreichte war mir klar, dass dieses Thema nicht abgeschlossen ist – vielleicht nie sein wird. Dank der Rückmeldung einer lieben Leserin, wurde ich auf das Büchlein des Dalai Lama aufmerksam: «Ethik ist wichtiger als Religion». Ich habe es noch nicht gelesen. Dennoch kann ich mit dieser Hilfe gewisse Punkte genauer ausbreiten bzw. den Kontext meiner Überlegungen verschieben.

Etwas will ich zuvor noch klarstellen, da ich im letzten Artikel darauf den Fokus legte: ich glaube nicht, dass es den Sinn des Lebens gibt. Ich glaube wir können sinnerfüllte Leben führen. Ich halte diesen Unterschied für wichtig; ich lehne damit die Legion an lapidaren Antworten ab, welche in der Form «der Sinn des Lebens ist, …» anscheinend zu helfen vorgeben. Damit lehne ich allerdings sehr ähnliche Fragen nicht ab. Es lohnt sich, zu fragen, worum es denn im Leben gehe – verstanden als: was möchte ich aus meinem Leben machen? Wie möchte ich leben? Und wie möchten wir zusammenleben?


Foto von Motoki Tonn auf Unsplash


Zurück zum Dalai Lama. In besagtem Büchlein stehe: «Ethik ist wie Wasser, Religion ist wie Tee». Das hilft zu artikulieren, womit ich einverstanden bin – und auch womit nicht. Ich lese in das Zitat hinein: Ethik ist das eigentlich Wesentliche. Wir brauchen eine Ethik – Religion nicht zwingend, denn die ist bloss Geschmackssache. Ethik ist wesentlich? Ja, richtig! Allerdings: was ist denn Ethik? Ich meine, selbst bei grösstmöglichen Zugeständnissen ist Ethik zu klein, nicht umfassend genug; kleiner als das was Religion abdeckt. Kleiner als der Aspekt der Religionen, welche sie so wirksam macht (im positiven wie im negativen). Worin besteht eine Ethik? Eine Ethik sagt uns, welche Handlungen moralisch richtig und welche moralisch falsch sind. Sie begründet im Idealfall diese Urteile, macht praktische Beispiele, spielt sich selber in Gedankenexperimenten durch. Verstehen wir unter Ethik gelebte Ethik? Mir scheint nicht zwingend. Kommt eine Ethik in einem Packet mit Trainings zu deren Umsetzung im Alltag? Eher nein. Nimmt eine Ethik zwingend die menschliche Natur mit in die Erörterungen? Vielleicht, vielleicht nicht. Bietet die Ethik Gelegenheiten der Integration – also Rituale, Zeremonien und Festivitäten bis hin zu Kirchen, Gedenkstätten, Altären usw.? Ich meine kaum.

Mit all dem will ich sagen: Ethik scheint mir zu abstrakt. Was ich wesentlich finde – und vielleicht zu leichtfertig als «Religion» bezeichne: Ethik muss praktiziert und gelebt werden, sonst ist sie ein Papier-Tiger wie die «Werte» vieler Firmen. Also eigentlich behaupte ich das genaue Gegenteil des Dalai Lama. Religion ist Wasser, Ethik ist Tee. Oder besser: Ethik ist zwar Wasser, aber Religion ist Wasser trinken. Um klar zu sein: ich spreche hier von der idealisierten Funktion der Religion (die keine ist) – und nur teilweise von den historischen Religionen. Dass diese Wasser vergiftet, davon gepredigt und Wein getrunken, dem Gegenüber Wasser verweigert haben, usw. – das ist nicht bestreitbarer Fakt.

Also, was ich unter dem Begriff «Religion» bis hierhin diskutierte, ist eigentlich «gelebte Ethik». Ich will an dieser Stelle den Begriff «Religion» aus dem Spiel nehmen – auch wenn der Artikel damit spielt; die Religion die keine Religion ist, ist eben – keine. Es geht um diverse wichtige Aktivitäten, welche wir als Gesellschaft brauchen. Dieses unscharf definierte Bündel an Aktivitäten erfüllt wichtige Funktionen in einer gesunden Gesellschaft. Dieses Bündel könnten wir metaphorisch als Organ im Körper der menschlichen Gesellschaft betrachten – m.E. ein überlebenswichtiges Organ. Es hat u.a. folgende – vermutlich zusammenhängenden – Funktionen:

  • Dieses Organ vermittelt uns eine tiefe Verbindung zur Welt (ehemals «Schöpfung»), unseren vielseitigen Mit-Wesen und uns selbst. Wir könnten das Ergebnis dieser Verbindung «ein Zuhause» nennen – wir sind hier, in diesem Körper, in dieser Welt zuhause und sind Teil einer riesigen Gemeinschaft des Lebens.

  • Es kultiviert unsere Fähigkeit weise Entscheidungen zu treffen – also intelligente und ethische; individuell und kollektiv. Hinsichtlich Beruf, Familie, Lebensgestaltung, Karriere, Partnerschaft oder als Verein, Firma, Quartier, Staat oder Gesellschaft – dieses Organ wandelt Theorie in Praxis guter Entscheidungen.

  • Es befähigt uns mit den Wirren des Lebens fruchtbar umzugehen – seien es Schicksalsschläge, Katastrophen, Tod, Übergange von Lebensphasen, Partnerschaft, Machtverhältnisse und Ungleichheit, Ungerechtigkeit, Verlust, Krankheit, Sinnsuche, Selbstfindung – idealerweise mit dem Resultat eines mehrheitlich «guten Lebens».

Das sind einige der wichtigen Funktionen dieses Organs. Momentan ist dieses Organ verkümmernd – es braucht Erneuerung. Noch einige Behauptungen zu dieser Erneuerung:

  • Das neue Organ wird nicht gegründet – es entsteht, ist bereits entstanden und entwickelt sich weiter; idealerweise stets unter der Leitlinie der oben genannten Funktionen.

  • Das neue Organ hat kein Zentrum. Es entsteht dezentral unter Mitwirkung unglaublich vieler engagierter Menschen, welche sich – ganz salopp – «um  eine besser Welt» kümmern.

  • Das neue Organ entwickelt sich quasi-empirisch, auf Erfahrungen basiert und unter Einbezug unseres besten Verständnisses all dieser Angelegenheiten.

  • Das neue Organ entsteht auch aus Elementen des bisherigen Organs. Mit viel Wertschätzung und doch mit einer Klarheit darüber, was nicht weiter angebracht ist. Was brauchbar, nützlich und hilfreich ist und was nicht, wird sich in diesem Entwicklungsprozess zeigen.

Ich möchte hier mit einer Einladung abschliessen. In Teil I habe ich eine Idee platziert. Ich habe sie «die Religion die keine Religion ist» genannt. Nun kann ich eine Alternative anbieten: wir befinden uns auf der Suche bzw. in Entwicklung einer (neuen) gelebten Ethik. Ich behaupte, dass wir dies an vielen Stellen beobachten können – von globalen Herausforderungen, welche mit dem gegenwärtigen Modus Operandi nicht gelöst werden können, bis zu Zwischenmenschlichen und individuellen Fragen der Lebensführung und des Umgangs miteinander. Die Einladung lautet neugierig und fragend zu beobachten. Nach welcher Ethik leben wir eigentlich – haben wir überhaupt eine? Falls ja, wie hilft diese uns zu orientieren? Welche Praktiken helfen uns dabei, diese Ethik – falls vorhanden – auch zu leben? Wen fragen wir um Rat bei schwierigen Entscheidungen? Was stellen wir ins Zentrum unserer Geschäftigkeit? Wonach streben wir?

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