Game-B

Aktualisiert: 3. Sept.

Alles ist ok so wie es ist – allenfalls braucht es hier und da ein paar kleine, kontinuierlich stattfindende Verbesserungen; nichts was bisschen soziale und technologische Innovation und der eingeübte politisch-gesellschaftlichem Prozess nicht hinbiegen könnten. Wir können grundsätzlich so weiter machen wie bisher. Oder aber: Wir befinden uns in einer Sackgasse. Und zwar in einem Ausmass, welches uns nötigt, den Systemwandel zu suchen, einen radikalen, tiefgreifenden und in manchen Aspekten dringenden Wandel.



Wie ist die Situation einzuschätzen? Wie kommen manche überhaupt auf die Idee, einen Systemwandel zu fordern? Ausgangspunkt sind wohl diverse Krisen. Doch Krisen hatten wir schon manche – und bisweilen sind wir sehr inflationär im Gebrauch dieses Begriffs. Ganz grob könnten wir den Ernst der Lage, die Auswirkungen einer Krise als Grund sehen – also wie katastrophal es wäre, die Krise nicht zu überwinden. Doch hier ist ein weiterer Aspekt ausschlaggebend: das Ausmass der notwendigen Veränderungen. Darin liegt die wirkliche Begründung für die Forderung Systemwandel – wenn die Einschätzungen darüber, wie eine Krise zu meistern sei, fundamentale Veränderungen als notwendig betrachten. Somit hätten wir zwei Punkte als Grund für die Forderung Systemwandel:

  1. Die Krise hat gravierende Auswirkungen.

  2. Sie kann nicht ohne weiters, ohne tiefgreifende Veränderung gemeistert werden.

Soweit das Bild aus dieser oberflächlichen – aber durchaus pragmatischen – Sichtweise. Wir brauchen einen Systemwandel, wenn diese beiden Kriterien erfüllt sind. Natürlich gibt es noch subtilere Gründe. Diese entfalten sich aber mehrheitlich mit Fragen in den zweiten Punkt; Fragen der Art: wie kommt es, dass diese Krise nicht ohne weiteres gemeistert werden kann?

Antworten auf Fragen dieser Art gibt es viele. Simplizistische benennen den Kapitalismus, das Geld, die Gier oder sonstige einsilbige Ursachen. Nuanciertere Antworten weisen im Kern darauf, dass in komplexen Systemen – wie die menschliche Zivilisation wohl eines darstellt – so gut wie alles miteinander verbunden ist. Diese Sichtweise ist so etwas wie ein Klassiker des Systemdenkens, oft mit der Eisbergmetapher visualisiert: unter der Oberfläche der Ereignisse – für welche wir auch eine lineare, „mono-kausale“ Erklärung liefern können; z.B. für die Klima-Krise: wir haben zu viele Treibhausgase ausgestossen – liegen die systemischen Ursachen. Angefangen bei unseren Gewohnheiten, den gängigen Verhaltensmustern, diese wiederum von den etwas tiefer liegenden systemischen Strukturen bedingt, weiter zu Weltsichten oder mentalen Modellen und schliesslich – so oft die Analysen – zu den Metaphern und Mythen, den kaum sichtbaren Quellen unseres Denkens, Fühlens und Handelns. Nora Bateson bringt die systemische Betrachtung überspitzt auf den Punkt: wir müssten alles auf einmal ändern.

Falls das so ist, versteht sich, warum „die Krise“ nicht ohne weiteres überwunden werden kann. Weiter wird auch klar, wie anstrengend, frustrierend und bisweilen hoffnungslos das Unterfangen „Systemwandel“ scheinen mag – weit weg von umsetzbar. Eine solche Perspektive ist kaum zu ertragen. Diesem Eindruck muss etwas entgegengesetzt werden. Hier ein Vorschlag aus der Subkultur: wir ziehen die verschiedenen Analysen zusammen zu einer Metapher: das System menschliche Zivilisation ist ein Spiel. Diese Metapher kann helfen, die Komplexität so zu reduzieren, dass sie fassbarer wird und damit neue Aussichten zulässt.

Nennen wir das Spiel welches wir momentan mehrheitlich spielen game-A. Und nehmen wir an, dieses Spiel sei eine Sackgasse. Das heisst wir brauchen ein alternatives Spiel – und nennen dies einfach mal game-B. Die Definition der beiden Spiele ist absichtlich generell und vage. So lässt sie mehr als genug Spielraum, um den verschiedenen Analysen Rechnung zu tragen. Die Muster hinter den Analysen gleichen sich allerdings schon. Game-A ist aggressiv, ausbeuterisch, unterdrückerisch, konkurrierend. Wir sehen dies in den Geschichtsbüchern voller Kriege, den Kolonialisierungen, Versklavungen und Unterdrückungen, der Art und Weise wie wir unseren Wohlstand aus der Erde, den Ökosystemen und der Masse an Menschen extrahieren oder wie Geopolitik betrieben wird. Wir spielen game-A bereits seit geraumer Zeit – nicht immer, nicht überall; wohl aber die letzten 3-5000 Jahre mehr und mehr. Präzisere und differenziertere Einschätzungen in hoher Qualität sind u.a. dem letzten Buch von David Graeber (R.I.P.) zu entnehmen, welches er zusammen mit David Wengrow geschrieben hatte: the dawn of everything. Game-A sei durch diesen Charakter, durch diesen Modus Operandi definiert. Schaut mensch hin, ist game-A bis tief in unserem Alltag sichtbar.

Die einfachste aber wohl wenig befriedigende Definition von game-B wäre demnach: nicht game-A. Und zwar im Kern, was den Charakter des Spiels angeht. Game-B ist also friedfertig, regenerativ, partnerschaftlich, kollaborativ. Auch dieses Spiel ist alt – womöglich viel älter und lange Zeit weiter verbreitet als game-A. Heutige Spielende finden wir in progressiven Firmen (z.B. B corp zertifiziert oder mit Cradle to Cradle Produkten), vielen Kommunen, Kooperativen, Nachbarschaften und generell der Zivilgesellschaft. Die regenerative Bewegung, Kreislaufwirtschaft, Gemeinwohlökonomie, Unternehmensverantwortung oder Initiativen die Otto Scharmer awareness based collective action nennt. Auch hier: wer hinschaut sieht den Charakter des Spiels.

Betrachten wir den Systemwandel aus dieser Perspektive, lautet die Aufgabe für Spieler*innen des game-B im Wesentlichen etwa so: finde deine Mitspieler*innen und webe die Initiativen zusammen, welche einzelne Elemente dieses alternativen Spiels leben. Erschafft gemeinsam funktionierende Prototypen oder Mini-Version dieser wünschenswerten Gesellschaft. Ziel muss sein, Ökosysteme zu kultivieren, innerhalb derer die Prinzipien des game-B, die „neuen Paradigmen“ tatsächlich gelebt werden können. Das schwierige ist, einen geeigneten Membran zu finden, eine halbdurchlässige Schutzhülle. Den aggressiven Zügen des game-A ausgesetzt, sind einzelne Initiativen sehr verletzlich. Ob wirtschaftlicher, politische-gesellschaftlicher Druck oder gar physische Gewaltandrohung – game-B hat viel von gewaltfreiem Protest oder zivilem Ungehorsam gemein. Es stellen sich ähnliche Fragen wie bei der Verteidigung freier Gesellschaften: welche Mittel sind legitim und korrumpieren nicht selbst das, was es eigentlich zu bewahren – oder erschaffen gilt? Wie schützen wir friedfertiges, partnerschaftliches Zusammenleben? Was diese Metapher anbietet ist, viel mehr stattfindender Systemwandel zu sehen und damit auch die Türen ins andere Spiel. Also: join game-B!