Hacking the System

Aktualisiert: 3. Sept.

Mark Zuckerberg möchte nun, dass wir Facebook neu „Meta“ nennen. Der Hintergrund dafür ist, dass er uns das oder präziser sein Metaverse schmackhaft machen will. Die Idee: wir verlagern zunehmend unser ganzes Leben in ein digitales Universum oder eben Metaversum darin natürlich ach so vieles möglich ist, was in der trägen, klebrigen, fleischigen Wirklichkeit nicht ist. Und ganz nebenbei gehört das Universum Facebook – bzw. Meta.


Wer sich einen Eindruck davon verschaffen will, schaut sich besser Ready Player One an (oder liest das Buch von Ernest Cline) als den lapidaren Werbespot von Mark. Diese Einladung vernehmen wir, während geleakte Dokumente demonstrieren, dass dieses Unternehmen in etwa Null moralische Konzessionen macht, wenn es um ein Scheibchen mehr Profit geht – in vollem Wissen um die teilweise fatalen Konsequenzen, welche die Nutzung der Angebote haben, die uns angeblich verbinden sollen. Und nein, der Zuckerberg ist nicht allein. Die vornehmlich aus den Digital-Konzernen erwachsende Landschaft der Sozialen Medien, Nachrichtendiensten und Plattformen ist eine profitgetriebene Maschine mit oft nahezu Monopolstellung in den jeweiligen Bereichen. Die Maschine die hier ein paar wenige am Laufen haben, ist wiederum zu verlockend für alle halbwegs paraten egomanischen Soziopaten. Vom chinesischen Regime über autokratische, nationalistische Parteien in Indien, Brasilien, Ungarn oder Italien, zu den geschäftstüchtigen Produzenten von Bullshit auf tausenden von Telegram Kanälen – sie alle reiben sich die Hände während über Jahrzehnte erkämpfte gesellschaftliche Errungenschaften dabei einfach Flöte gehen.

Wie kommt es dazu - was geht hier eigentlich ab? Im Grunde hacken sie das System! Nein, nicht das System, welches engagierte Bürger*innen gerne transformiert sehen würden, sondern das System Mensch. Die despotischen Disziplinen Marketing, Hirnwäsche und Propaganda zapfen die kognitiven Wissenschaften an und füttern ihre Algorithmen, stets der Frage nach: wie bringen wir die Menschen dazu, das zu tun was wir wollen (und sich dabei gerne noch „frei“ fühlen)?

Und wie geht das? Das menschliche Verhalten ist wohl etwas komplizierter als das Verhalten einer Billardkugel, eines Atoms oder eines Regenwurms – das Prinzip das Verhalten zu verstehen bleibt aber ähnlich. Es sind Objekte in einem Kontext. Dieser Kontext – also die Umwelt, das Milieu, die Nische – wirkt auf Objekte ein und diese reagieren darauf; entsprechend ihrer Natur bzw. ihrer Eigenschaften. Die Muster, welche Einwirkung mit Verhalten verbinden, lassen sich im Idealfall als Gesetzmässigkeiten formulieren. Diese hat im Kern die Form von „wenn X dann Y“ und zwar - unter spezifizierten Umständen - immer. Im Fall des Billardspiels beschreibt die newtonsche Mechanik diese Gesetzmässigkeit. Verstehen wir diese, können wir das Verhalten dieser Objekte manipulieren und kontrollieren.

Nun, die einfache, allerdings steile Behauptung: das Verhalten des Menschen ist im Prinzip genau gleich. Die Muster welche Einwirkung und Verhalten verbinden sind durchaus komplexer – etwas plump: weil hier nicht eine bestimmte Masse an gleichförmiger Materie das Verhalten bestimmt, sondern, das oft als komplexestes Objekt im Universum beschriebene, menschliche Gehirn. Die Muster vermögen wir (noch?) nicht in ganzer Fülle und Präzision beschreiben – aber kaum etwas spricht dagegen, dass diese existieren und sogar Gesetzmässigkeiten folgen, die wir theoretisch in irgendwelchen Formeln zu erfassen vermögen. Nach diesen Mustern suchen wir seit geraumer Zeit – systematischer mit dem Aufkommen der experimentellen Psychologie und später durch die Erweiterung und Kombination mit anderen Disziplinen wie Philosophie, Anthropologie, Neurowissenschaften, KI oder Linguistik. Nach diesen Muster suchen nun auch die Maschinen – die künstlichen Intelligenzen – gefüttert von einer unfassbaren Menge an Daten – welche wir freizügig liefern.

Wir sind kognitive Wesen, entsprechend sind im Grunde die wesentlichen Kräfte, die auf uns einwirken Informationen. Sicherlich noch immer wichtig dabei sind Informationen über die Beschaffenheit unserer physischen Umgebung, sowie betreffend des Zustands unseres Körpers. Doch besonders hohe Relevanz kommt der sozio-kulturellen Informationen zu. Setzen wir uns als Gesellschaft einer Informations-Umwelt aus – im Extremfall einem Metaverse, geschaffen und unterhalten von einem profitgetriebenen Geschäftsmodell, welches manipulativen Interessen bereitwillig zudient, liefern wir uns einer Maschine von ungeheurer Macht aus.

Ja richtig, etwas wesentliches fehlt in der bisherigen Beschreibung: wir sind nicht nur Objekte welche in wie auch immer komplizierter Weise auf äussere Kräfte reagieren – wir sind agierende Subjekte. Mit der obigen Beschreibung als Objekte fühlen sich wohl die meisten von uns kaum angemessen beschrieben. Wir fühlen uns nicht als Spielbälle der Umstände – sondern als Handelnde. Wir nehmen nicht bloss wahr, sondern machen uns auch eigene Gedanken, haben Wünsche, Träume, Hoffnungen und Bedürfnisse, wir fällen reiflich durchdachte Entscheidungen und führen dann komplexe Aktionen aus – wie beispielsweise ein Unternehmen zu gründen, eine politische Initiative zu starten oder ein Buch zu schreiben. Das sind doch keine gesetzmässig automatischen Reaktionen auf eine bestimmte Umweltsituation bzw. Informationslage!

Nun ja, wohl wahr – zumindest, dass wir uns so fühlen, als ob wir aus uns selbst hinaus, durch eigene Vorstellungen motiviert, nach eigenen Werten geleitet handeln. Ob und wie dies tatsächlich stimmt, ist eine alte philosophische und eben mittlerweile wissenschaftliche Frage. Auf die Metaphysik wollen wir gar nicht eingehen. Allerdings auf die praktische Relevanz. Denn zugeben müssen wir wohl, dass wir massgeblich beeinflusst sind. Wir sind evolutionär entstandene Lebewesen mit einer zwar plastischen, aber eben auch vorgegebenen, „fest verdrahteten“ kognitiven Ausrüstung. Diese entfaltet sich erst „zur vollen Blüte“ durch Lernen in einer sozialen Umgebung. Unser Elternhaus, eingebettet in einer Kultur, die Schule, Medien, Religion und diverse Gruppen denen wir uns zugehörig führen – all diese Einflüsse schreiben mit am Programm unserer Informationsverarbeitung.

Wie der schweizer Philosoph Peter Bieri im hervorragenden Buch Handwerk der Freiheit aufzeigt, ist die Aufgabe, selbstbestimmte Akteure zu sein, eine Frage der Praxis, sich selbst – sein Wünsche, Motivation, Absichten, Annahmen und Ansichten – immer wieder zu reflektieren. Selbsterkenntnis ist nicht ein Ereignis, eher eine Gewohnheit, eine Routine. Und es kann kaum eine einsame Routine sein – dazu sind unsere Möglichkeiten der Selbsttäuschung viel zu mannigfaltig und verlockend. Wir brauchen das „soziale Korrektiv“ in der Form von tiefen Freundschaften, offenen Gesprächsrunden und idealerweise vielen kulturellen Angeboten, welche nicht nur dabei helfen, das Weltgeschehen auch nur halbwegs vernünftig einzuordnen, sondern uns selbst besser zu verstehen. Und dies so weit wie möglich ohne von manipulierenden Eigeninteressen durchsetzt zu sein.

Die Antwort auf die Bedrohung einer Maschine, welche uns besser versteht als wir selbst, besteht also nicht nur in vorgeschlagenen Massnahmen wie der Regulierung, Aufspaltung oder Enteignung der Maschinen-Konzerne, sondern liegt auch in unseren eigenen Händen. Wir müssen alles daran setzen, uns selbst besser zu verstehen als es die Maschinen tun. Vielleicht sollte die Inschrift auf unseren „Tempeln“ zu hack dich selbst aktualisiert werden – mit dem Zusatz: und lass nicht zu, dass es andere tun.