(Ohn)macht

Aktualisiert: 3. Sept.

Mit dem Krieg in der Ukraine ist für viele von uns etwas außerordentliches ins Bewusstsein gedrungen, etwas bedrohliches, dunkles, beängstigendes. Es herrscht Krieg, Krieg in Europa, ja – das allein ist Grund genug für die düstere Gefühlslage. Krieg mit all seinen unfassbaren Grausamkeiten, beinahe in Echtzeit mitzuerleben. Und doch scheint noch etwas weiteres zu geschehen. Dieser Krieg erschüttert die gewohnte Ordnung – aus den Archiven jedenfalls wurden wieder Geostrategen und Militäranalytiker ans Licht der medialen Aufmerksamkeit geholt. Weiterreichende Konsequenzen werden nicht nur diskutiert, einen Hauch davon spüren wir im eigenen Alltag. Mir scheint es gebe noch einen Aspekt: Ohnmacht. Ohnmacht gegenüber brachialer physischer Gewalt, Ohnmacht gegenüber irrwitzigen, rücksichtslosen Entscheidungen.


Die Erkenntnis und noch viel intensiver, das Erleben, der Willkür einer überlegenen Macht ausgeliefert zu sein, dürfte durchaus urmenschliche Erfahrung sein. Es scheint einleuchtend, dass frühe Gottheiten der Menschheitsgeschichte oft Mächte verkörperten, die wir weder verstanden, geschweige denn zu kontrollieren vermochten – seien es Stürme, Raubtiere, Krankheiten oder die Wut und Gewalt eines Gegenübers. Die Götter haben sich gewandelt und teilweise auch, was uns als Macht begegnet. Dass nur wenige von uns in hiesigen Breitengraden in den letzten Jahren, gar Jahrzehnten den archaischen und brachialen Formen einer Naturgewalt oder eines einfallenden Heeres ausgeliefert waren, bedeutet nicht, dass uns Ohnmacht völlig fremd ist.

Welcher Art Macht begegnen wir heute? Was ist eigentlich Macht? Woher kommt sie, was verleiht diese? Eine kurze Spurensuche nach etwas Licht in der Dunkelheit.

Der klassische Griff in die etymologische Kiste gibt uns zwei indogermanische Wurzeln zur Auswahl: kneten, pressen, formen, und können, fähig sein, vermögen. Macht als Fähigkeit, als Potential zu formen – der lateinische Begriff für Macht: potentia. Macht formt – auf jeden Fall kann sie, wenn sie will. Und wen oder was formt Macht? Harari liefert eine einleuchtenden Vereinfachung: Materie oder Geist. Macht manipuliert die physische, objektive Welt oder Wahrnehmung, Denken, Bewusstsein. Damit ist leider kaum mehr gewonnen als: Macht formt alles was da ist.

Ein Schritt zurück: was uns doch wirklich interessiert ist die Macht von Menschen über andere Menschen. Ansonsten käme hier eine Lektion Physik. Doch die Physik kommt erst am Ende der Geschichte – da wo die Granaten einschlagen; wie kommt es aber, dass diese erst abgefeuert werden? Das ist die menschliche Frage. Wen gäbe es dazu passenderes als Max Weber zu zitieren: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“

Fragen wir in das „gleichviel“ hinein – also worauf denn diese Chance beruht – könnten wir einerseits die wohl gesamte (abendländische) Philosophiegeschichte allein an diesem Thema verfolgen oder wir springen nach vorn zur populären, auch schon 80 Jahre alten Machtbasentheorie von French und Raven. Sie meinen es gebe fünf Quellen der Macht: die legitime Macht, Macht durch Belohnung, Zwang, Identifikation oder Wissen. Bei ersteren wird der Wille durchgesetzt, weil jemand beispielsweise in ein Amt gewählt oder nachvollziehbar in eine Position befördert wurde. Wir gehorchen, weil uns die Autorität rechtmäßig erscheint. Belohnung und Zwang mögen für unsere Zwecke einleuchtend genug sein. Bei Macht durch Identifikation unterliegen wir dem Charme von Charisma – bzw. unserer eigenen Sehnsucht, uns mit charismatischen Eigenschaften zu identifizieren. Die Macht von Wissen umfasst auch Fähigkeit und ist heute durchaus geläufig als Meritokratie – wer sich auskennt und was kann, darf mir gerne sagen, was zu tun sei; genau in dem Kontext der Expertise, darüber hinaus wohl eher weniger.

Diese Kategorisierung sollte sicher nicht als abschließend, vielleicht nicht einmal als besonders einfallsreich angesehen werden. Sie öffnet einfach den Blick für das Phänomen der Macht. Wir begegnen Macht nicht nur als äußeren Zwang, sondern als Verführung mit Anreizen und Drohungen, als Kompetenz, als sozial konstruierte und mit Narrativen gestützte Position. Amy und Arnold Mindell, die Eltern der Deep Democracy zeigen wie subtil Macht sogar in all unseren Beziehungen als Rang und Privilegien mitschwingt. Denn beinahe all unsere Eigenschaften – wie Bildung, Reichtum, Alter, Schönheit oder der Besitz eines Schweizer Pass generieren, je nach Kontext hohes Ansehen, Status und Privilegien. Besitzen wir solch privilegierte Eigenschaften, fällt uns unsere Macht selten auf – ein blinder Fleck, den wohl nur ein Kontextwechsel oder Geschichten derer, die diese nicht genießen, aufzuzeigen vermag. Macht durchzieht so gut wie alle Sphären menschlicher Beziehungen, sei es individueller sowie kollektiver Natur. Machtverhältnisse sind so dicht um und durch uns gewoben, dass wir die meisten kaum sehen.

Der springende Punkt sei folgender: das Phänomen Macht ist wohl unausweichlich. Macht ist in der menschlichen Gesellschaft allgegenwärtig. Es dürfte zur Conditio Humana gehören – und damit auch nicht per se zu bewerten sein. Was uns aber in noch tiefere Erschütterung und Ohnmacht treibt, als es eine oft ebenso verheerende Naturkatastrophe vermag, ist der bewusste oder unbewusste Machtmissbrauch. Grauenhafte Kriegsverbrechen offenbaren die Unerträglichkeit blindwütiger, rücksichtsloser Macht. Und doch: diese kam nicht aus dem Nichts. Sie ist die Spitze des Eisbergs, das vorläufige Ende einer Kette oder eines Gewebes von Machtverhältnissen – und deren Missbräuchen. Der Gehorsam der jungen Burschen, welche sich dazu bewogen sehen, ihre Nachbarn zu vernichten, begann nicht am langen Tisch eines Präsidenten, sondern in unserer Kultur, in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen. Diese können wir gestalten, hier haben wir das Vermögen einzuwirken, die Fähigkeit zu gestalten. Dazu müssen wir uns den Machtverhältnissen bewusster werden, welche uns in unserem Alltag umgeben und wir bei jeder Akzeptanz, bei jeder Unterordnung erneut bestätigen. Die Mächte die uns heute begegnen sind keine Götter oder gottgegebenen. Und auch wenn uns die menschliche Natur gegeben sein mag, so sind die Quellen der Macht – der Macht über andere – größtenteils von Menschen geformt. Wir formen diese in jeder Interaktion bis in die wirtschaftlichen und (geo-)politischen Vorgänge hinein.

Als existentielle Erfahrung wird uns dieses Thema auch noch lange in Zukunft beschäftigen – und ebenso als Herausforderung mit dem Phänomen der Macht umzugehen. Und so bietet sich an, mit den ermunternden Worten von Hannah Arendt aus „Macht und Gewalt“ zu schließen: Macht positiv definiert, ist das Zusammenwirken von freien Menschen im politischen Raum zugunsten des Gemeinwesens.