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Theorien des Wandels

«Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung.» soll Heraklit gesagt haben – wohl erst später wurde diese Einsicht zur Kurzformel «pantha rhei» zusammengefasst: Alles fliesst.

Die Dinge verändern sich von selbst. Nicht immer fliessen sie aber in die gewünschte Richtung. Sprechen wir über Veränderung meinen wir wohl meist nicht bloss, dass sich Dinge verändern, sondern dass es bitte besser werde. Das Bessere welches wir uns wünschen aber, muss gestaltet werden – darauf zu warten wäre über-optimistisch. Nicht alles, was wir uns wünschen, hält, was es zu versprechen vorgibt. Denken wir an den mythischen König Midas mit seinem törichten Wunsch, es möge sich alles zu Gold verwandeln, was er berühre.

Der Wunsch nach Veränderung vernehmen wir in Kontexten wie der individuellen Lebensführung – von Partnerschaft, Geld, Karriere, Spiritualität – in Organisationen oder bei Politiker*innen und Aktivist*innen. Viele wollen Veränderung – angeblich zumindest. Denn, auch dies wohl eine Binsenwahrheit: wenn es darum geht, uns zu verändern, treffen wir auf hartnäckigste Widerstände. Erklärungen wieso dem so ist, sind Kontext-abhängig. Da spielt sicher eine Menge Psychologie mit – und Soziologie; aber auch Politik und Ökonomie. Angst vor Unbekanntem, vor Verlust, Trägheit, Normen, Anreizsysteme, Machtstrukturen und Interessenkonflikte.


Foto von Ch_pski auf Unsplash


Geht es darum, gar einen gesellschaftlichen Wandel willentlich herbeizuführen, muss mensch sich auf einen langwierigen und komplexen Prozess einlassen. Es dürfte kein geradliniges Rezept für gesellschaftlichen Wandel geben. Davon müssen wir zumindest ausgehen – bis wir vielleicht eines Tages wissen, wie so etwas geht. Dieser Tag wird vermutlich nie kommen, weil dies gar keine Angelegenheit ist, die derart gewusst werden kann. Abgesehen vielleicht von geheimdienstlichen Szenarien, in welchen es darum geht, eine Demokratie zu destabilisieren oder einen Präsidenten zu stürzen – dafür scheint es so etwas wie Rezepte zu geben; vielleicht.

Einen gesellschaftlichen bzw. einen politischen Wandel zu verstehen, versuchen Teile der Politikwissenschaften unter dem Stichwort Transformation. Geht es um individuelle oder organisationsbezogene Veränderung finden sich ganze Bibliotheken mehr oder weniger sachlicher Bücher und ebenso viele Angebote. Das Spektrum an Wissenschaften deren mensch sich bedienen muss, um gesellschaftlichen Wandel zu verstehen ist nicht klar abgesteckt – vielmehr ist es ein klar Inter- wenn nicht transdisziplinäres Unterfangen.

Etwas konkreter wird es mit einer Theory of Change. Als Werkzeug für Planung, partizipative Organisation und Evaluation von sozialen Veränderungen, hat sich dieses in vielen NRO´s, Stiftungen, Firmen und Regierungsstellen bewährt. Es geht insbesondere darum, trotz Komplexität strategisch sinnvolle Massnahmen zu finden, welche auf langfristig gesteckte Ziele hinarbeiten.

Zur Methodik gehört der Sprung in die Zukunft – zu einer Vision. Mit dem Amt für Zukunft arbeiten wir gerne mit der Mehrzahl – mit möglichen Zukünften. So wird verhindert, allzu rosig blauäugige Visionen zu erstellen bzw. solche im Kontext verschiedener Szenarien zu sehen.    Wichtig bleibt in jedem Fall, diesen Sprung zu machen – einen Sprung über den «present lock-in». Dieser Ausdruck bezeichnet, wie schwer es uns fällt, ausserhalb der gegenwärtigen Umstände zu denken. «So wie heute, nur bisschen anders» genügt leider nicht, um sich ein realistisches Bild eines geglückten gesellschaftlichen Wandels zu malen.Ein zweiter Grund für diesen Sprung liegt darin, den Fokus zu verschieben. Denn der Wunsch nach Veränderung entspringt oft einem Missstand. Bleibt der Fokus hier, ist dies nur bedingt hilfreich. Zum einen wird es über Zeit frustrierend sich stets hartnäckigen Widerständen gegenüber zu sehen.  Und wohl noch wichtiger: wir lassen unsere Energie nicht in mögliche Lösungen fliessen; sollten wir aber. Daher: unbedingt in die Zukunft springen!

Wir müssen uns auch hier vor zu vorschnellen Generalisierungen hüten. Der Fokus auf ein klar eingegrenztes, bestimmtes Problem, kann die Energie freisetzen, die es braucht. Wir sprechen hier von gesellschaftlichen Veränderungen, nicht von Problemen wie einem Rohrbruch oder einer offenen Wunde. Dennoch hilft Fokus; das zeigt beispielsweise die Entmachtung von Milošević in Serbien. Massgeblich zu seinem Rücktritt beigetragen haben «otpor!» , indem sie den gemeinsamen Fokus der verschiedenen Oppositionsparteien und Regime-Gegner auf den Rücktritt bzw. die Abwahl von Milošević gelegt haben.

Viele Möglichkeiten sichtbar zu machen, heisst eben nicht, sich am Ende für alle zu entscheiden und damit den Fokus zu verlieren – es heisst, den richtigen (wirkungsvollen) Fokus zu finden.   

Welche Informationen und Analysen wir in einer Theory of Change einbeziehen ist Ermessensfrage. Es gibt einige Modelle bzw. Betrachtungsweisen, die bei der Auswahl helfen können.

Ein Klassiker des Systemdenkens ist die verschieden ausbuchstabierte Metapher des Eisbergs. Wir sehen nur dessen Spitze – es helfe zu erkennen, was darunter liegt. Sichtbar, über der Wasseroberfläche sind die unterschiedlichsten Ereignisse – mitunter jene, welche wir in Zukunft nicht mehr oder aber viel mehr sehen wollen. Sich wiederholende Ereignisse deuten auf darunter liegende systemische Strukturen – bestimmte Regulierungen, machtvolle Interessenvertretungen, Praktiken welche als normal, also der Norm entsprechend gelten und Ressourcenflüsse wie Subventionen, Steuerermässigungen, Märkte und ihre Teilnehmer*innen. Diese Verhältnisse sind oft explizit – wer sich interessiert, kennt sie.

Tauchen wir noch tiefer, entdecken wir, was öfter im halb-verborgenen spielt: Beziehungen und Machtverhältnisse. Beeinflussungen hinter den Kulissen, Treffen hier, Drehtüren da. Noch weiter unten, am Boden des Eisbergs sehen viele der Eisberg-Modelle «Mentale Modelle» - hierzu zählen Weltanschauungen, Narrative; paradigmenähnliche Selbstverständlichkeiten, die wir genau daher auch schwerlich wahrzunehmen vermögen. Nach dieser Betrachtungsweise liegt «die Ursache» eines Missstands in der Architektur des Eisbergs – bis an dessen Sockel. Je tiefer wir die Bemühungen um Veränderung ansetzen, umso nachhaltiger wird sich diese entfalten – so die Theorie.

Ähnlich eisig sieht eines der frühen Modelle von Kurt Lewin die Verhältnisse. Das gegenwärtige System ist eine gefrorene Angelegenheit – um sie zu ändern, müssen wir sie erst auftauen. Moderne Autoren, wie beispielsweise Leadbeater & Winhall beschreiben das Eis als enge Verknüpfung von Macht, Beziehungen, Ressourcenflüssen und Zwecksetzungen – also Narrativen. Um das System veränderbar zu machen, müssen diese engen Verbindungen aufgelockert werden. Das kann heissen die Ressourcenflüsse transparent zu machen – oder gleich Umleitungen zu bauen; mit neuen Geschäftsmodellen oder politischen Vorstössen. Das kann heissen die begründenden Narrative umzudeuten – grünes Wachstum als ein solcher, wenn auch fragwürdiger, Versuch. Oder es kann heissen, Machtpositionen neu zu besetzen oder gar diese Abzuschaffen oder anders zu strukturieren.  

Konkretisiert auf den jeweiligen Kontext werden so Handlungsoptionen für soziale Bewegungen und gesellschaftliche Erneuerungen sichtbar. Auch ein wichtiges Ergebnis bei solchen Prozessen sind die ganzen Annahmen, welche sich durch die Anwendung dieser Methode zeigen. Diese sind nicht nur philosophisch interessant, sondern auch relevant für die eigenen Bestrebungen. Es sind Annahmen darüber, wie die Welt funktioniert, wie sie sich verändern lässt – sowie Annahmen darüber, was wünschenswert ist und was nicht. Ein ernsthaftes Erstellen einer Theory of Change kann einer Organisation oder Bewegung vielschichtige Erkenntnisse und strategische Klarheit zugleich einbringen.


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