Von den SDGs zu den IDGs

Aktualisiert: 3. Sept.


2015 wurden die SDG´s verabschiedet – die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen. Unser Fortschritt in Richtung dieser Ziele blieb nicht nur aus Sicht der Initiantin bescheiden. Wir haben allerdings noch sechs Jahre Zeit irgendeines dieser Ziele zu erreichen. Bei gegenwärtigem Schritttempo müssen wir wohl froh sein, den gleichen Stand zu behalten. Klar ist: obwohl die SDGs an Bekanntheit zugelegt haben und allerorts als Referenz für die Bemühungen abgebildet sind – es läuft viel zu wenig.


Was brauchen wir um endlich umzusetzen, was wir uns vorgenommen haben? Gut ja, die Ziele sind doch recht hoch gesteckt – und es sind viele, 17 Ziele! Wirkungsvolle Zielsetzung sieht anders aus. Und manche Ziele widersprechen sich bei genauerem Hinschauen sogar. Nicht so gut. Trotzdem reicht das nicht, um das Versagen zu erklären. Denn 17 SDGs hat Kate Raworth wunderbar einfach in den Donut übersetzt bzw. lassen sich dort leicht zusammenfassen. Der Donut sagt in der Essenz, dass es planetare Grenzen gibt, welche wir nicht überschreiten sollten und ein soziales Fundament, welches wir nicht untergraben dürfen. Die SDGs lassen sich damit klar und einfach zusammenfassen: wir müssen in den Donut.

Nun gut; aber ist dies „unser“ Ziel? Wer ist schon die UN – das sind doch nicht wir, die können sich schön was vornehmen ohne uns zu fragen. Paar Präsidenten von Demokratien, natürlich „das Volk“ vertretend, machen mit paar Autokraten – auch ihr Volk vertretend – aus, was der Menschheit Ziele sein sollen. Und dann fängt keiner an, denn eigentlich sollten ja die anderen was machen – zumindest mal anfangen. Wir machen eh nicht so den grossen Anteil (am Problem) aus, oder? Klingt nicht so richtig nach unseren Zielen. Schauen wir uns diese Ziele allerdings an – in der Essenz von Raworth – sind dies nicht unsere Ziele? Wollen wir so leben, dass wir diesen Planeten (den einzigen bisher von Menschen betretenen; das andere war der Mond! Der Flug dorthin dauert 3 Tage, zum Mars brauchen wir mehr als ein Jahr!) für uns unbewohnbar machen? Wollen wir unsere Mitmenschen unter der Menschwürde siechen lassen? Ich glaube nicht, dass wir das wollen – ich glaube diese Ziele sind unsere Ziele.

Und ja, wir sind träge Gewohnheitswesen, hassen Veränderung, wollen sicher nicht verzichten, sind verlustängstlicher als gewinnfreudig – und all die vielen psychologischen „Gründe“ mehr.

Kein Wunder also, kommen nun seit gut einem Jahr auch die IDGs in die Diskussion – die „Inner Development Goals“. Diese Ziele für die innere Entwicklung setzen genau da an, wo es bisher zu hapern scheint: bei unserer Einstellung. Was schon seit geraumer Zeit einsichtig sein sollte: ohne Bewusstseinswandel kein gesellschaftlicher Wandel. Das eine wie das andere ist schwierig absichtlich zu bewirken. Wir können gesellschaftlichen Wandel zwar erklären, aber erst im Nachhinein. So verstehen aber, dass wir willentlich einen bestimmten Wandel zustande bringen würden, tun wir diese Prozesse nicht. Es ist schwierig; vielleicht auch einfach der Sache nach: wir spielen ein Spiel, bei welchem die Gewinner (Profiteure) die Regeln machen dürfen – und der Wandel möchte ein neues Spiel. Natürlich sind die Regeln, die ganzen Macht-Strukturen, die Ressourcenflüsse gegen diesen Wandel. Was hier gefragt ist, ist allerdings kein Machtwechsel. Das wären einfach paar neue Gewinner. Sondern ein Wandel des Spiels inmitten des Spiels, eine Reparatur bei voller Fahrt, ein System-Update während des Betriebs.

Dies ist nicht nur schwierig, sondern eine Herausforderung in wohl bisher ungesehener Grössenordnung. Wir wissen nicht genau wie das geht, was verständlicherweise Verwirrung und Angst bewirkt – und damit Zweifel säht, ob dies denn wirklich nötig sei; läuft doch grad nicht schlecht.

Aber egal wie wir es drehen und wenden – wandeln wir uns selbst nicht, erreichen wir kein einziges SDG. Diese Einsicht steht hinter den IDGs. Die Inner Development Goals sprechen die richtige Ebene an, ein bisweilen blinder Fleck – zumindest zu wenig beachtet. Denn wir haben nicht nur die multiplen Krisen erschaffen, wir sind die Erfinder und die Erfindung des Spiels. Wir sind ein Geschöpf der Kultur welche wir selbst geschaffen haben. Wir haben es erfunden.

Nun soll der Fokus systematischer auf die Entwicklung der notwendigen persönlichen Eigenschaften und Fähigkeiten gelegt werden. Was die IDGs in der Essenz fordern, wird wohl noch zu entwickeln sein. Gegenwärtig versuchen sie mit 23 Qualitäten, in 5 Bereiche geordnet zu beschreiben, welche Grundhaltung wir an den Tag legen müssten, um einen Beitrag zur Zielerreichung leisten zu können. Fasst man die fünf Bereiche zusammen, ergibt sich ein Bild eines Menschen, der mit sich selbst in Verbindung ist, klar, kritisch und systemisch Denken kann, mitfühlend ist und verantwortungsvoll bereit ist, mit anderen zu kollaborieren um mutig in Aktion zu treten. Alles klar.

Auch wenn wir die dahinterliegenden Qualitäten überfliegen, entdecken wir kaum Neues oder Überraschendes. Viele Qualitäten stehen schon lange in den Lehrplänen. Was wir also von den IDG und dieser Aufzählung erwarten dürfen, mag fraglich sein. Der Fokus auf diese „inneren“ Ziele ist sicher richtig und sollte diese Kampagne erfolgreich hochfahren, dürften wohl auch mehr Ressourcen in diese Richtung strömen; würde sicher helfen. Bis wir allerdings so kraftvolle und präzise Modelle wie den Donut sehen werden, könnte es noch etwas dauern.